Beim OPENION Fachtag sprachen Fachkräfte aus Schule und außerschulischen Einrichtungen über Demokratiebildung
Foto: DKJS/Andi Weiland

Demokratie Halt geben und Populismus entgegenwirken

Der Fachtag „Demokratiebildung für morgen gemeinsam gestalten“ am 7. Dezember stand ganz im Zeichen der Praxis.

   

Fotos: DKJS/Andi Weiland

 

Nachdem Autorin und Hörspielproduzentin Mia Frimmer mit einer Hör-Reise aus Zitaten und Tonaufnahmen zu den Themen Demokratie und Bildung auf den Fachtag eingestimmt hatte, begrüßte Nina Herz, bundesweite Co-Projektleitung OPENION, die Teilnehmenden. Mit Rückblick auf die vorangegangene Veranstaltung anlässlich des Tags der Bildung und die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz zur Demokratiebildung und Digitalisierungsstrategie, verwies sie auf die aktuellen Herausforderungen, denen sich pädagogische Fachkräfte momentan stellen müssen, u.a. dem Umgang mit einem Denunziationsportal, der Entwicklung einer neuen Beleidigungskultur und zunehmendem Populismus. „Demokratiebildung kann und darf nicht nur Feuerwehr und Löschfahrzeug sein“ fordert Herz und stellt heraus, dass mit diesem Fachtag auch die Menschen und Projekte im Mittelpunkt stehen und gewürdigt werden sollen, die sich mit ihrer Arbeit langfristig und „mit langem Atem“ für eine starke und nachhaltige Demokratiebildung einsetzen.   

Was kann Bildung im Kampf gegen Populismus leisten? 

Aktuell hat die Demokratie auch in Deutschland mit vielfältigen Herausforderungen zu kämpfen. Anti-demokratische Strömungen nehmen zu und erfordern ein offenes und handlungssicheres Bekennen zu demokratischen Werten. Prof. Dr. Tim Engartner, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Mitglied des Direktoriums der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung (ABL), ging in seiner Keynote „Demokratiebildung in Zeiten des Populismus: Was ist zu tun?“ den Fragen nach, inwiefern Demokratiebildung sich dem Populismus entgegenstellen kann und was Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft tun können, um dies zu fördern. Zunächst resümiert Engartner, welche Entwicklungen dem aufsteigenden Populismus den Weg bereitet haben und populistische Strömungen weiter (bewusst) fördern. Dazu gehören Verfehlungen der Politik, finanzielle Ungleichverteilung und folglich die soziale Spaltung der Gesellschaft. „Die Angst vor dem Abstieg innerhalb der Gesellschaft ist die größte Triebfeder des Rechtspopulismus“ so Engartner. Den Unmut, manifeste Enttäuschungen und Unzufriedenheiten der Bürgerinnen und Bürger aufzufangen, werde dann zur Aufgabe der politischen Bildung gemacht. „Bildung kann nicht die Allzweckwaffe im Kampf gegen Rechtspopulismus sein“ räumt Tim Engartner ein. In Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung, die gleichermaßen Informationsreichtum und -verwirrung bietet, mit gezielter Desinformation "parafaktische Welten“ geschaffen werden und ein Individualisierungs- und Selbstoptimierungstrend einem gesamtgesellschaftlichen Denken gegenüberstehe, sei vor allem Haltung statt Zurückhaltung gefordert. Lehrkräfte dürfen und müssen klare demokratische Positionen bekennen und verteidigen, im staatlichen Auftrag und mit Verweis auf den Beutelsbacher Konsens, haben sie sogar die Pflicht, nicht neutral zu bleiben. Aber Demokratiebildung müsse auch an den Orten stattfinden, an denen sie bisher nicht vertreten war. Als Brückenbauer zwischen Politik und Bildung, muss sie Menschen wieder dazu befähigen, sich für Demokratie als Staats- und Lebensform zu engagieren: „Demokratie ist keine anthropologische Konstante, Demokratie muss gelernt werden“. 

Wie Demokratiebildung gemeinsam gelingt und welche Unterstützung sie braucht 

Am Nachmittag gingen die Teilnehmenden in unterschiedlichen Workshops den Fragen nach, wie zeitgemäße Demokratiebildung in der Zusammenarbeit von Schulen und außerschulischen Partnern gestaltet werden kann und welche (strukturelle) Unterstützung es bedarf.  

Einen Einblick in die Praxis gaben beispielsweise vier Projektverbünde, die ihre Arbeit vorstellten und einen konstruktiven Austausch über Herausforderungen, Zugänge zur Zielgruppe und Erfolgserlebnisse ermöglichten. Darunter auch der Projektverbund „Mein Wert, dein Wert, unser Wert“ aus Berlin, der die demokratische Teilhabe von Schülerinnen und Schülern fördert. Das Ziel des Projekts ist es, dass eine Schule gemeinsame Werte diskutiert und mit einem selbstgestalteten „Wertedenkmal“ festlegt und manifestiert. Dabei wird ein grunddemokratischer Ansatz verfolgt, indem zu Beginn allein die Schülerinnen und Schüler einer Schule darüber abstimmen, ob sie das Projekt durchführen wollen. Stimmen mehr als dreiviertel der Schülerschaft dafür, startet das Projekt - in einer demokratischen Schulkultur auch ohne Zustimmung der Schulleitung. „Das ist echte Demokratie und die muss man auch aushalten können“, sagt Kooperationspartner Sascha Grammelsdorff.  

Auch die Herausforderungen und Spannungen innerhalb der Kooperationsarbeit muss manchmal ausgehalten werden. In zwei Workshops wurden Erfahrungen aus dem Alltag der gemeinsamen Demokratiebildungsarbeit ausgetauscht, gute Ansätze weitergegeben, aber auch strukturelle Schwierigkeiten besprochen. Dr. Julian von Oppen, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Landeskooperationsstelle Schule - Jugendhilfe bei kobra.net in Potsdam, reflektierte mit den Teilnehmenden, welche Rahmenbedingungen und Haltungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit notwendig sind. Die Teilnehmenden sammelten ihre Erfahrungen und ordneten sie verschiedenen Kategorien der Kooperationsaspekte zu (Prozess, Kultur, Struktur, Ressourcen). Neben Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Vertrauen und Kommunikation stellten sie besonders einen Punkt als wichtiges Merkmal gelingender Kooperation fest: Die Spürbarkeit eines Mehrwerts vor Ort. 

Wer demokratische Handlungskompetenzen im Spannungsfeld zwischen Populismus und Beutelsbacher Konsens und angesichts von Herausforderungen wie Fake News und Online-Propaganda vermitteln soll, braucht hierbei Unterstützung. Die zuvor auch in der Keynote geforderte Haltung von Lehrkräften, pädagogischem Personal oder außerschulischen Bildungsakteuren braucht mehr Rückhalt, so der Tenor im dritten Themenblock der Workshops. Die Teilnehmenden diskutierten, dass erwachsene Begleitungen mehr Sicherheit in ihrem Handeln brauchen, sowohl durch Stärkungsimpulse und Qualifizierungsangebote von außen als auch durch klare Stellungnahmen von Arbeitgebern und rechtlicher Unterstützung. In Zeiten von Denunzierungsportalen für Lehrkräfte gäbe es Sicherheitsfragen, die auch bis in den privaten Bereich übergreifen. Im Kern waren sich die Teilnehmenden darüber einig, dass die Forderung nach mehr Haltung nicht bedeutet, sich auf demokratische Meinungen und Positionen zurückbesinnen zu müssen, sondern dass sie das Einfordern von Handlungssicherheit ist. „Wir haben bereits eine Haltung, die sich auf nichtverhandelbare, demokratische Werte stützt. Was wir brauchen ist die Sicherheit, für diese Errungenschaften einstehen zu können“, so eine Teilnehmerin. 

Inspirierend statt einfach 

Der Fachtag ging mit einer gemeinsamen Reflexion unter der Moderation von Shai Hoffmann, Social Entrepreneur und Aktivist, zu Ende. Mit einer Umfrage fing er ein Stimmungsbild ein: „Inspiriert“ fühlte sich die Mehrheit der Teilnehmenden,“informiert“ genauso viele, einige stimmten nach den diskussionsreichen Workshops mit „müde“. Amira Zarari, Mitglied der Poetry Slam-Gruppe i,Slam, die mit offenem Ohr und gespitztem Bleistift die Veranstaltung begleitete, würdigte die Arbeit der Projektteilnehmer und engagierten Anwesenden und fasste in ihrem Spoken Word-Beitrag treffend zusammen: „Es ist nicht einfach, aber das war es da, wo es Meinungsvielfalt gibt, noch nie.“