SINUS-Jugendstudie 2020: Wie ticken Jugendliche?
Bild: SINUS:akademie

Interview zur SINUS-Jugendstudie 2020: Wie ticken Jugendliche?

Christine Uhlmann, Leiterin der SINUS:akademie, hat uns im Gespräch erklärt, welche Indikatoren sich aus der SINUS-Jugendstudie 2020 für die Planung von Projekten mit Jugendlichen ergeben.

Christine Uhlmann, Leiterin der SINUS:akademie
Bild: Fotodesign Geier

Alle vier Jahre führt die SINUS:akademie Interviews mit Jugendlichen in Deutschland durch und beleuchtet ihre Lebenswelten: Welche Einstellungen haben junge Menschen? Wie orientieren sie sich beruflich und sozial? Im Jahr 2020 erschien die SINUS-Jugendstudie 2020 mit dem Titel „Wie ticken Jugendliche? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland“.

In dem folgenden Kurzinterview gibt Christine Uhlmann von der SINUS:akademie einen Einblick in diese Studie. Frau Uhlmann studierte Erziehungswissenschaften, Katholische Theologie und Bildungsmanagement in Tübingen, Südafrika und Griechenland. Seit der Gründung der SINUS:akademie 2012 ist sie dort als Referentin zu Jugendlichen Lebenswelten und Jugend in Europa tätig. Sie hat an der SINUS-Jugendstudie 2016 mitgewirkt und leitet seit 2019 die SINUS:akademie.

Interview zur SINUS-Jugendstudie 2020

Frage: In der SINUS-Jugendstudie werden seit 2008 alle vier Jahre die 14- bis 17-Jährigen in Deutschland zu ihren Lebenswirklichkeiten interviewt. Was sind die zentralen Erkenntnisse der aktuellen Studie und welche neuen Entwicklungen lassen sich gegenüber vergangener SINUS-Jugendstudien beobachten?
Antwort: Die Jugend wird ernster, problembewusster und weniger hedonistisch. Die negativen Folgen der Individualisierung – beispielsweise ein abnehmendes Gemeinschaftsgefühl – treten stärker ins Bewusstsein: Eine „Jede:r-für-sich-Mentalität“, Extrovertiertheit und Egozentrik werden kritisiert und Jugendlichen geht es immer weniger darum, ihr eigenes Ding zu machen und erfolgreich zu sein, sondern eher um Wohlbefinden, Gesundheit, Balance und soziale Einbindung. Dementsprechend sehnen sich junge Menschen vermehrt nach Dingen wie Sicherheit, Halt und Geborgenheit.
Klar wollen Jugendliche nach wie vor Spaß haben, aber das scheint nicht mehr so zentral zu sein wie in den Vorgängerstudien.

Frage: Für wen ist die Studie besonders interessant und warum?
Antwort: Die SINUS-Jugendstudie ist im Prinzip eine Bestandsaufahme der jungen Generation, deshalb ist auch die Frage, die im Titel steckt, immer zentral: „Wie ticken die Jugendlichen?“ Was sind ihre Sorgen und Nöte? Und mit Antworten auf diese Frage und einem sehr dichten Bild von Jugend ist die Studie für alle von Interesse, die mit Jugendlichen arbeiten – in der Schule, in außerschulischer Jugendarbeit, in der Jugendhilfe, Berufsorientierung und vieles mehr – und natürlich auch für Eltern, die wissen wollen, warum die eigenen Kinder so ganz anders sind, als man das selbst war. Und weil der Blick auf die Jugend immer auch ein Blick auf die Zukunft des Landes ist, sollte die Studie natürlich auch für die Politik eine Rolle spielen.

Frage: Welche Gruppen von Jugendlichen werden selten mit spezifischen Angeboten und Projekten für Jugendliche erreicht? Welche Jugendlichen würden von der Teilnahme an Jugendprojekten besonders profitieren und wie lassen sich diese gut erreichen? Was brauchen diese Jugendlichen, um gestärkt aus Angeboten herauszugehen?
Antwort: Wir bekommen aus der Praxis sehr oft rückgemeldet, dass v.a. Jugendliche am unteren Rand unserer Gesellschaft, v.a. aus der Lebenswelt der Prekären, schwer zugänglich sind für Angebote und Projekte der Jugendarbeit – sie haben oftmals negative Erfahrungen gemacht mit pädagogischen Fachkräften und kommen nicht von sich aus zu den Angeboten. Hier sind Kontakte und Beziehungen wichtig, die als Türöffner agieren und Überzeugungsarbeit leisten können. Und wenn diese Hürde genommen ist, profitieren die Jugendlichen sehr von solchen Angeboten. Aber auch diejenigen mit sehr hoher Bildung und postmoderner Grundorientierung, die Expeditiven, treffen wir in der klassischen Jugendarbeit selten an. Hier liegt es daran, dass sie selbst sehr gut informiert, vernetzt und organisiert sind und ohne Jugendarbeitsangebote klar kommen.
Ich glaube, gestärkt gehen Jugendliche dann aus Angeboten und Projekten, wenn sie sich angenommen und gehört fühlen, wenn ihre Themen, Wünsche und Meinungen im Vordergrund stehen und wenn sie merken: es bringt was, wenn ich mich einbringe. Das ist laut unserer Studie auch das größte Ärgernis der jungen Generation: sie fühlen sich zu wenig von der Politik gehört und wahrgenommen.

Frage: Die Studie verdeutlicht, wie unterschiedlich Jugendliche ticken. Gibt es dennoch Werte, die die meisten Jugendlichen miteinander teilen?
Antwort: Ja, wir haben in der neuen Studie einige universelle Werte Jugendlicher ausmachen können, die allen Jugendlichen über die verschiedenen Lebenswelten hinweg sehr wichtig sind: An erster Stelle stehen dabei Familie, befreundete Personen, Treue, Altruismus und Toleranz, aber auch Leistung und Selbstbestimmung. Größter Zukunftswunsch der allermeisten befragten Jugendlichen ist eine „bürgerliche Normalbiografie“ – mit dem starken Wunsch nach Haus und Kindern. Andererseits gibt es aber auch lebensweltspezifische Werte, in denen, je nach Gruppe, Werten wie Besitz und Status, Diversity oder Performing die höchste Bedeutung zukommt.

Vielen Dank für das Interview, Frau Uhlmann.

Weitere Informationen zur SINUS-Jugendstudie 2020

In der folgenden Präsentation finden Sie einen ersten Überblick zu den SINUS-Lebenswelten inklusive einzelner Kurzbeschreibungen:

Auf ihrer Website fasst die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) – Projektpartnerin der Studie – zentrale Erkenntnisse aus der Studie und dem von ihr beauftragten Untersuchungsteil „Wohlbefinden und Partizipation in der Schule“ zusammen.

Die SINUS-Jugendstudie 2020 ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung kostenpflichtig als gedruckte Publikation erhältlich und steht außerdem als kostenfreies PDF zum Download bereit.