von Kathleen Fietz

Die tief über Vorpommern hängenden grauen Wolken wären die perfekte Kulisse für einen typischen Text über Anklam: trostlose Stadt – Nazihochburg – perspektivlose Jugend. Doch dann steigt man aus dem ICE und wird begrüßt: „Herzlich Willkommen im Demokratiebahnhof“ steht mit weißer Kreide auf einer Tafel am Gleis geschrieben. In den Fenstern des großen, roten Backsteinhauses hängen Informationen zum Bahnhof und seiner Geschichte und Poster mit der Aufschrift „Ich kann was!“.

Den Demokratiebahnhof Anklam gibt es seit drei Jahren; inzwischen ist das Jugend- und Kulturzentrum bundesweit bekannt. Es hat Preise und prominente Unterstützer gewonnen. Vor einigen Wochen haben die Kids hier mit Bundesaußenminister Sigmar Gabriel und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig gekickert. Die Punkband Feine Sahne Fischfilet, der Rapper Marteria und Campino von den Toten Hosen haben 2016 auf dem Bahnhofsvorplatz vor mehr als 2.000 Menschen ein Konzert gegen Rechts gespielt – ein euphorischer, bewegender Abend, der es bis in die Tagesschau geschafft hat. Das Erfolgsrezept des Demokratiebahnhofes ist ganz einfach: Hier haben engagierte Ehrenamtliche einen Ort für junge Menschen geschaffen. Und gleichzeitig ist es auch kompliziert, denn Anklam gilt als Hochburg der rechten Szene. Hier kann Kinder- und Jugendarbeit per se nur hochpolitisch sein.

Demokratieförderung inmitten einer starken rechten Szene

AFD und NPD kamen in Anklam bei der Landtagswahl 2016 zusammen auf mehr als 30 Prozent der Wählerstimmen; bei der Bundestagswahl ein Jahr später lagen sie etwas drunter. Seit den 1990er Jahren haben sich NPD und braune Kameradschaften in der Stadt etabliert, Immobilien erworben und betreiben unter anderem ein Begegnungszentrum, eine „Volksbücherei“ mit Versandhandel und einen Laden für einschlägige Musik und Bekleidung. Das Büro des NPD-Landesverbandes liegt nur 300 Meter vom Demokratiebahnhof entfernt. „Wir hätten mit unserer Idee eines Jugendzentrums natürlich auch nach Stralsund gehen können, aber wir wollten hierher wegen der starken rechten Szene“, erzählt Michael Steiger, einer der Mitinitiatoren des Projekts. Wie viele verwaiste Bahnhöfe wurde auch das Anklamer Gebäude 2013 versteigert. Die Stadt kaufte es wenig später dem Käufer ab und vermietete es an den Pfadfinderbund Mecklenburg-Vorpommern, der die Idee für das Jugend- und Kulturzentrum hatte. „Der Bahnhof ist perfekt, zentral gelegen und ein Gebäude mit Ausstrahlung, der den Jugendlichen zeigt: Hier gibt es einen coolen Ort für euch“, erklärt Michael Steiger.

Heute ist einiges los im Bahnhof; überall im Erdgeschoss wird gearbeitet. In dem großen Jugendraum mit Sofas vor bunt bemalten Wänden werden die Reste der Party von gestern weggeräumt. Ehrenamtliche und Mädchen und Jungen saugen, räumen Tische und Paletten um. Und auch draußen am Gebäude wird geputzt. Dort sind Mitarbeiter der Deutschen Bahn unentgeltlich aus Rostock angereist, um mit den Kindern und Jugendlichen die Fassaden zu säubern. Mit speziellen Reinigungsmitteln werden Graffiti Tags von Fensterscheiben und typische Verewigungen wie „Tim? Ich liebe dich!“ und „Jessy war hier“ von der Fassade geschrubbt. Die dreizehnjährige Steffi putzt im weißen Schutzanzug eine der Scheiben. „Ich bin jeden Tag hier. Hier kann ich abhängen, chillen und mithelfen“, erzählt die 13-Jährige mit den blonden langen Haaren und der Zahnspange.

Die Erfolgsfaktoren: ein langer Atem, ein tolles Gebäude und Toleranz

Dass hier etwas los ist, war nicht von Anfang an so. Im ersten Jahr ließ sich außer den Ehrenamtlichen, die die Räume schick machten und Angebote entwickelten, kaum ein Jugendlicher blicken. „Man braucht einen langen Atem für so ein Projekt“, sagt Michael Steiger. Im rechten Gebäudetrakt neben der Küche werden heute Bewerbungsgespräche geführt. Bis zum Sommer arbeiteten im Bahnhof nur Ehrenamtliche und ein Bundesfreiwilliger. Das hat sich jetzt mit der Bewilligung neuer Fördergelder geändert: Zwei halbe Stellen konnten bereits geschaffen und nun noch eine weitere Stelle ausgeschrieben werden. Gesucht wird jemand, der den etwa 400 Quadratmeter großen Garten mit den Jugendlichen zusammen gestaltet. Für die Bahnhof-Mitbegründerin Klara Fries, die die Gespräche mit führt, tragen die neuen festen Mitarbeiter erheblich dazu bei, dass immer mehr Jugendliche kommen, denn viele der Ehrenamtlichen können nicht jeden Tag vor Ort sein. „Das merken natürlich auch die Kinder und Jugendlichen. Wenn aber immer jemand hier ist, ist das auch für sie viel verbindlicher“, erklärt die 24-Jährige.

Kontinuierliche Ansprechpartner, ein sichtbarer, zentraler Ort mit Ausstrahlung wie hier der Bahnhof und die Bereitschaft, die Kinder und Jugendlichen so zu nehmen wie sie sind, das sind für die Initiatoren wichtige Erfolgsfaktoren ihres Projektes. Bis zu 80 Jugendliche kommen inzwischen regelmäßig, die jüngsten sind zehn Jahre alt. Neben dem offenen Jugendtreff werden Filmabende und Workshops veranstaltet, gerade haben sie sich eine Woche mit Fake News beschäftigt und eine QR-Code-Rallye um den Bahnhof gemacht. Sie kochen zusammen, können lernen, ihr Fahrrad zu reparieren oder wie man ein Computerspiel selbst programmiert. „Damit man Jugendliche erreicht, muss man sie von Anfang an mit einbeziehen, schon bei der Konzeption der Angebote“, antwortet Klara Fries auf die Frage, was andere Projekte für Jugendliche vom Demokratiebahnhof lernen können. Ob bei der Planung des alljährlichen Sommerfestes oder dem Workshop-Angebot – hier in Anklam entscheiden Kinder und Jugendliche mit, ihre Stimme zählt genauso wie die der Älteren. Ihre Wünsche können sie auf dem wöchentlichen Plenum, an einer eigens dafür aufgehängten Pinnwand oder bei den Vorbereitungstreffen für einzelne Projekte äußern.

Im vergangenen Jahr haben die Jugendlichen viel im Garten gearbeitet; gemeinsam haben sie entschieden, ob sie Hochbeete wollen, was sie anbauen möchten, wo sie welche Wege anlegen und unter welchem Obstbaum es gemütliche Sitzecken geben soll. Niemand sagt den Jugendlichen hier, wie es geht oder wie es richtig ist, vielmehr geht es um ein gemeinsames „Learning by Doing“. So wird der Garten zum gemeinsamen Projekt, und die Gestaltung orientiert sich an dem, was die Mädchen und Jungen lernen wollen und zum Wohlfühlen brauchen. Und was sich andere Einrichtungen hier vor allem abgucken können: Der Demokratiebahnhof schafft es, junge Menschen mit den unterschiedlichsten Lebenswelten zusammenzubringen. Abiturienten treffen auf Hauptschüler, einige wohnen auf dem Land, die anderen in Anklam; es gibt politisch Aktive und solche, die einfach nicht wissen, wo sie sonst hinsollen. Und Kids, die auch gern mal Klamotten des bei Neonazis beliebten Labels Thor Steinar tragen, hängen hier mit jungen Geflüchteten ab. Das gelingt, weil die Kinder und Jugendlichen hier so sein können, wie sie sind – egal woher sie kommen.

Langfristige Beteiligung über Peer-to-Peer

Mohammed stammt aus Syrien und ist 19 Jahre alt; gerade hilft er Michael Steiger dabei, in der Bahnhofsvorhalle Teppiche auszurollen. Der geflieste Raum soll gemütlicher werden, damit sich auch Wartende hier aufhalten und eine Ausstellung zum Thema Menschenrechte anschauen können. Mohammed kam als unbegleiteter Minderjähriger 2015 nach Deutschland. Nach etlichen Stationen landete er in Anklam und ging im 30 Kilometer entfernten Wolgast zur Schule. Jeden Tag ist er mit dem Bus hin- und wieder zurückgefahren und war ansonsten nur zu Hause. „Aber wenn du da drüben auf den Bus wartest, kannst du den Bahnhof nicht übersehen“, erzählt er und zeigt auf die Haltestellen auf dem Vorplatz. „Irgendwann bin ich rein, und von dem Tag an war ich immer hier“. Das lag vor allem an Ibrahim, einem jungen Syrer, der inzwischen fest im Jugendtreff arbeitet. Die beiden sind Freunde geworden, auch wenn sie sich jetzt nicht mehr so oft sehen. Mohammed wohnt inzwischen auf der anderthalb Bahnstunden entfernten Insel Usedom, wo er eine Ausbildung zum Koch macht. Aber wann immer er frei hat, kommt er nach Anklam. Auch mit den Nazis hier habe er Ärger gehabt. „Aber Angst habe ich keine vor denen, die rede ich platt“, sagt er und lächelt verschmitzt.

Ein handfestes Problem mit der rechten Szene gibt es in der Region ohne Frage, aber es gibt auch ein Gegengewicht – eine Zivilgesellschaft, die sich engagiert. Das werde in vielen Artikeln über Anklam und den Demokratiebahnhof nicht erwähnt, ärgert sich Klara Fries. Auch der hier ansässige Demokratieladen, das Regionalzentrum für demokratische Kultur und das Bündnis „Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt!“ setzen sich für Demokratie ein und lassen sich auch von Brandanschlägen wie der auf den Bahnhof im vergangenen Jahr nicht einschüchtern.

Meinungsbildung und demokratischer Dialog

Demokratie heißt auch, andere Meinungen aushalten zu können. Und das wird hier gelebt. Deshalb dürfen auch die Kinder rechtsextremer Eltern hier rein – auch wenn die Thor-Steinar-Klamotten natürlich nicht gern gesehen sind. „Wir verbieten das nicht rigoros, das würde nichts bringen. Aber wir sprechen an, dass wir das nicht gut finden“, erklärt Klara Fries. Der Spagat dieser Kinder zwischen Elternhaus und Bahnhof äußert sich zum Beispiel darin, dass sie ihre „Refugees welcome“-Shirt nur hier tragen, aber nicht zu Hause  „Für uns beginnt politische Bildung damit, dass sie hier einen Raum haben, in dem sie andere Perspektiven kennenlernen und lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden und die auch zu äußern“, erklärt Klara Fries. Und wenn ein 13-Jähriger ein Jahr hier abhänge und dann irgendwann zum Plenum komme und sage, er wolle sich mit einbringen und mithelfen, dann sei das ein großer Erfolg. Wichtig dafür ist auch eine langfristige Beteiligung. Viele der Kinder und Jugendliche, die einmal da waren, kommen immer wieder. So geht auch der 18-jährige Momo im Bahnhof schon lange ein und aus. „Ich mochte es hier von Anfang an, ich konnte eigene Ideen einbringen, und man hat uns Jugendlichen vertraut und uns zum Beispiel die Schlüssel zum Jugendzentrum gegeben, sodass wir immer rein konnten, auch wenn kein Erwachsener da war“, erzählt er. Inzwischen hat Momo seinen Schulabschluss gemacht und absolviert im Demokratiebahnhof seinen Bundes­freiwilligen­dienst: „Ich will diesen tollen Ort einfach weiter mitgestalten“.